#KlappeAuf beim Filmpreis 2019

Im Rahmen einer festlichen Gala wurde gestern der Österreichische Filmpreis im Wiener Rathaus verliehen.

Es regnete nicht nur Preise, sondern mahnende Worte gegen Populisten und Hetzer und die Aufforderung, wachsam zu sein.

So eröffnete Ingrid Burkhard, die mit dem Preis für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet wurde, ihre Dankesrede mit den Worten: „Ich freue mich, einen ganzen Saal voll aufmüpfiger Individualisten zu sehen. Das ist einfach ein warmes Bad!”

Martin Pollack, unter anderem mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, hat eine Gastrede verfasst, die von Peter Simonischek verlesen wurde.

Gerald Kerkletz hat im Namen von #KlappeAuf folgende Rede gehalten, die vom Publikum mit Standing Ovations aufgenommen wurde:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

„Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“
Dieses Zitat von Joseph Beuys mahnt uns, an die Gegenwart zu denken. Denn die Zukunft beginnt jetzt.

Täglich vergiftet die Regierung – in Zusammenspiel mit Kronenzeitung, Heute und Österreich – das politische Klima in unserem Land.

Die Brutalität der entwürdigenden Worte, die Pietätlosigkeit gegenüber Gewaltopfern,
die totale Ignoranz gegen Zahlen, Fakten, Argumenten entblößt eine Haltung, die wir bisher nur aus historischen Berichten kannten.

Wo man hinschaut: Diffamierung, Herabsetzung und Entwürdigung aus politischem Kalkül.

Und es trifft nicht mehr nur Menschen mit einem Geburtsort außerhalb Österreichs.
Inzwischen entlädt der Hass sich auf alle, die nach den Maßstäben eines auf Wettbewerb und Leistung beruhenden Wirtschaftssystems nicht erfolgreich genug sind.

Warum lesen wir zum Beispiel so viel von Verschärfungen des Asylrechts, aber so wenig von Gesetzesänderungen auf Wunsch der Immobilienbranche?

Die Einnahmen des Finanzministers sind um knapp fünf Milliarden gestiegen.
Geld, das man dazu verwenden könnte, das Schul- und das Gesundheitssystem zu verbessern, Kinderarmut zu bekämpfen, Pflegegelder zu erhöhen, erneuerbare Energien auszubauen und Integrationsprojekte zu fördern.
Doch das Geld wird gehortet, für eine Senkung der Körperschaftsteuer, von der in erster Linie die reichen Unternehmensbesitzer und Großkonzerne profitieren werden.

Milliardengeschenke an diejenigen, die Sebastian Kurz den Wahlkampf finanziert haben, aber bei den Ärmsten wird gespart.

Die Mindestsicherung wird gekürzt, und zehntausende Kinder in noch größere Armut gestoßen.
Sie wird von guten Deutschkenntnissen abhängig gemacht, aber gleichzeitig werden Deutschkurse gestrichen.
Haftentlassene sollen gar keine mehr bekommen, obwohl es dann sogut wie unmöglich ist, ein neues Leben anzufangen.

Feministischen Initiativen und Gewaltschutzprojekten wurden massiv die Förderungen gestrichen,
obwohl es gerade in diesem Bereich so dringend nötig wäre, erfahrene ExpertInnen und bewährte Konzepte mit ausreichenden Mitteln auszustatten.

Wider besseres Wissen stürzen Kanzler Kurz, Vize Strache und die gesamte Minister_innenriege Menschen in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung und zerstören bewusst den sozialen Frieden. Sie schüren Elend, Gewalt und Kriminalität. In einem der reichsten und friedlichsten Länder der Welt.

Und jetzt blasen sie zum Angriff auf Wien.

Was können wir dagegen tun?

Bringt eh nix, sagen viele.
In der typisch österreichischen Mischung aus Resignation und Gleichgültigkeit.
Oder, liebe Kolleginnen und Kollegen, etwas schärfer formuliert:
In der typisch österreichischen Mischung aus Opportunismus und Obrigkeitshörigkeit.

Aber das ist verhängnisvoll.

Wir können doch nicht schweigen, angesichts eines Innenministers, der elementare Grundregeln des Rechtsstaats und der Demokratie verhöhnt.

Jede und jeder von uns kann jeden Tag mindestens einen Menschen darüber aufklären, wie das Miteinander in unserem Land gerade zerstört wird.

Jede und jeder von uns kann jeden Tag auf den digitalen Plattformen Falschmeldungen richtig stellen, Vorurteile entlarven und Hasspostings mit menschenfreundlichen Geschichten beantworten.

Jede und jeder von uns kann jeden Tag in persönlichen Gesprächen Haltung zeigen, ohne Eitelkeit und Besserwisserei.

Und jede und jeder von uns kann Zivilcourage beweisen und einschreiten, wenn die Würde eines Menschen verletzt wird.

Wir können uns mit Gleichgesinnten verbinden und gemeinsam solidarische und nachhaltige Projekte verwirklichen.

Wir können jeden Donnerstag unserem Unbehagen Ausdruck verleihen und konkrete Widerstandspläne in die Tat umsetzen.

Beugen wir uns nicht dem Druck der totalen Kommerzialisierung!

Nützen gerade wir Kulturschaffende unsere Möglichkeiten, um das Diffizile, das Genaue, das Kritische zu fördern!

Überlassen wir das Feld nicht kampflos den Gewinnorientierten, den Unpolitischen, den Zerstörern.
Tun wir was.
Verteidigen und entwickeln wir die Demokratie weiter!

Machen wir die Klappe auf.

 

Auch Ruth Beckermann fand in ihrer Dankesrede scharfe Worte gegen die Hetzer in der österreichischen Bundesregierung:


Jetzt – ihr habt es nicht anders von mir erwartet – kommen noch 5 kurze Sätze, weil ich denke mir, solange man was sagen darf, muss man jede Gelegenheit nutzen.

Vor einem Jahr, als dieser Film gerade fertig war, waren wir eigentlich alle schockiert darüber, wie aktuell er ist.

Das war kurz nach der Inauguration von Kurz und Strache.

Nun, ein Jahr später, hat die Wirklichkeit den Film überholt.

Die ÖVP ist von Waldheim auf Waldhäusl gekommen. Vom Heim zum Häusl.

Waldheim hat gelogen, um nicht mit dem Naziregime in Verbindung gebracht zu werden.
Die Waldhäusls, Hofers und Kickls ebenso wie die Kurz’ und Sobotkas finden ganz im Gegenteil eine Menge der Nazi-Ideen nachahmenswert.

Am Schluss des Films “Waldheims Walzer” sagt Peter Turrini, die Wahrheit sei der ÖVP zumutbar. Sie habe bereits im Wahlkampf gesät, was sie nun erntet.

Die Wahrheit ist auch uns zumutbar. Die Mehrheit der Österreicher hat diese Leute gewählt und erfreut sich noch immer an ihrer Menschen verachtenden Politik.

Es soll nur nicht irgendwann wer sagen, er hätt‘ von Nix gewusst.

Ich danke euch fürs Zuhören.